Altbestände

Ist es für Institutionen sinnvoller, ihre IPv4-Adressen zu verkaufen oder zu vermieten?

Seit mehr als fünfzehn Jahren berichten wir vom (leider) nur schleichenden Übergang vom IPv4-Protokoll auf IPv6. Die Nachfrage nach und der Handel mit IPv4-Adressen floriert weiter – in verschiedenen Ausprägungen. Nun plädiert der IP-Leasing-Diensteanbieter IPXO für Leasing alter IPv4-Bestände bei Universitäten.

Vincentas Grinius, Mitgründer der IP-Leasing-Plattform IPXO, bietet in einem Artikel auf circleid.com Informationen zu Geschichte, Bestand und Umgang mit IPv4-Blöcken und gibt begründete Empfehlungen, wie man sinnvoll IPv4-Adressen monetarisieren kann. Mit Beginn des Internetzeitalters erhielten akademische Einrichtungen, vornehmlich in den USA, zum Teil riesige IP-Adresskontingente zugeteilt. So erhielt Anfang der 1980er Jahre das MIT (Massachusetts Institute of Technology) den vollständigen 18.0.0.0/8 Block, der 16 Millionen IP-Adressen umfasst. 2017 verkaufte das MIT die Hälfte des Bestandes an Amazon für deren »Amazon Web Service« (AWS). Ähnlich verfuhren andere Inhaber von großen IP-Blöcken. Für Grinius stellt das nur die zweitbeste Lösung dar. Man komme so schnell zu erheblichen Summen Geldes – aktuelle Preise liegen, je nachdem, um welche Blöcke es sich handelt, zwischen US$ 10,– und US$ 38,–. Doch da sich der Umstieg vom IPv4- auf das IPv6-Protokoll bereits Jahrzehnte hinziehe und absehbar sei, dass es noch weitere Jahrzehnte dauert, sei die geschicktere Lösung, IPv4-Blöcke zu vermieten. Die Vorteile für »IP-Leasing« lägen auf der Hand: IP-Leasing bedeutet wiederkehrende Einnahmequellen, die einmalige Verkaufserlöse übersteigen sollen. Die Universitäten bleiben weiter Inhaber, bewahren die Kontrolle an ihren Adressblöcken und können auf diese zu eigenen Zwecken zurückgreifen. Alsdann kommt das werbliche Argument von IPXO zum Zuge: mit einer modernen IP-Leasing-Plattform seien die traditionellen Hindernisse bei der Monetarisierung von IPv4 beseitigt – alles laufe automatisiert: Verträge, Routing, Compliance und Missbrauchsüberwachung. Und wegen des langsamen Übergangs auf das modernere und bessere IPv6-Protokoll bleibe man im Grunde auf IPv4 schon aus strategischen Gründen weiter angewiesen.

Demgegenüber, so Grinius, stellten sich beim Verkauf von IPv4-Adressen fundamentale Fragen der Strategie hinsichtlich der eigenen digitalen Infrastruktur: Sollen sich Institutionen dauerhaft von digitalen Ressourcen trennen, an deren Erstellung sie beteiligt waren? Wie werden zukünftige Forschungsinitiativen, expandierende IoT-Netzwerke und neue Bildungstechnologien auf die immer knapper werdenden IPv4-Ressourcen zugreifen? Und: Was passiert, wenn die nächste Generation digitaler Projekte öffentliche IP-Adressen benötigt? Sind die IPv4-Adressen erstmal verkauft, werden sie voraussichtlich nie wieder unter akademische Kontrolle kommen. Das stellt besonders Institute, die noch immer auf IPv4 basierender Infrastruktur angewiesen sind, vor erhebliche Probleme. Grinius plädiert also für IP-Leasing – bei entsprechenden IP-Leasing-Plattformen. Dafür sprächen dauerhafte Finanzströme aus den IPv4-Vermögenswerten, Flexibilität, wenn IPv4-Adressen gebraucht werden, aufgrund effizienter Ressourcenzuweisung einen Beitrag zur Nachhaltigkeit des Internets zu leisten, und aufgrund einer historisch gegebenen digitalen Präsenz die eigene Netzwerkidentität zu bewahren.

Nun bleiben aber doch einige Frage in dem Artikel unausgesprochen. Inwieweit rechnet es sich zum Beispiel tatsächlich, IPv4-Adressen zum Leasing zur Verfügung zu stellen, anstatt sie zu verkaufen? Angaben zu Leasing-Preisen und Kosten für die Dienstleistungen einer IPv4-Leasing-Plattform gibt Grinius nicht an. Und was spricht eigentlich dagegen, den Schritt ganz in die IPv6-Welt zu gehen und nicht mehr auf die Beschränkungen und Nachteile des IPv4-Protokolls angewiesen zu sein? Gerade indem sich viele Institutionen an das alte Protokoll klammern, sorgen sie mit für die Verzögerung beim Übergang zu IPv6. Letztlich muss jede Institution, die IPv4-Blöcke »ihr Eigen« nennt, für sich entscheiden, wie damit umzugehen ist. Der Artikel von Grinius gibt nur einen Anstoß, sich mit den Vor- und Nachteilen der eigenen technischen Strukturen auseinanderzusetzen und eine angemessene finanzielle und technische Lösung zu finden.

Wie man der Knappheit an IPv4-Adressen begegnen könnte, hat vor Jahren die EFF (Electronic Frontier Foundation) beschrieben. Bei RIPE war man schon damals der Ansicht, den finanziellen und personellen Aufwand, den die IPv4-Anpassungen kosten könnten, wären besser ins Nachfolger-Protokoll IPv6 investiert.

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