Es ist ein historischer Tag: ab dem 30. April 2026 nimmt die Internet-Verwaltung ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) zum zweiten Mal nach 2012 Bewerbungen um eine neue generische Top Level Domain (gTLD) entgegen. Bis zum Jahr 2012 gab es lediglich 22 gTLDs, darunter die bekannten Domain-Endungen .com, .net und .org; seither sind aus 1.930 eingegangenen Bewerbungen hunderte weiterer Domain-Endungen wie .audi, .shop oder .berlin dazugekommen. Für Marketing-, IT- und Rechtsabteilungen ergeben sich aus der zweiten Einführungsrunde sowohl erhebliche Chancen als auch komplexe Anforderungen. Dieses »White Paper« fasst die wichtigsten Fakten des Bewerbungsverfahrens kompakt im FAQ-Format zusammen.
Warum sollte man über eine Bewerbung um die eigene Top Level Domain nachdenken?
Die Gründe sind vielfältig. Immer wieder genannt werden vier Hauptargumente:
- digitale Unabhängigkeit von Plattformanbietern wie Facebook, Instagram oder TikTok,
- optimierter Schutz vor Internetbedrohungen (Erhöhung der Sicherheit durch kontrollierte Domain-Vergabe),
- Stärkung des Kundenvertrauens in die eigene Marke (innovative Kommunikationsformate wie z. B. personalisierte Domains) und
- volle Kontrolle über das eigene Online-Ökosystem (z.B. für den Aufbau geschlossener Markenökosysteme, Kundenportale oder Kampagnen).
Das Bewerbungsverfahren ist aber auch nicht ohne Risiken. Als zentral zählen:
- hohe Investitionskosten ohne garantierten wirtschaftlichen Erfolg,
- Reputationsrisiken bei technischen Ausfällen,
- Komplexität der regulatorischen Anforderungen und
- potenzielle Konflikte mit Wettbewerbern oder Rechteinhabern.
Eine Bewerbung ist daher nicht für jedes Unternehmen sinnvoll. Besonders geeignet ist eine eigene gTLD für Unternehmen mit starker Marke, internationaler Präsenz und langfristiger Digitalstrategie. Die Entscheidung sollte auf einer fundierten Kosten-Nutzen-Analyse basieren.
Wer kann sich um eine neue Top Level Domain bewerben?
Nur juristische Personen wie Unternehmen, Organisationen und Institutionen sowie staatliche, nichtstaatliche und zwischenstaatliche Einrichtungen können sich um eine neue gTLD bewerben. Bewerbungen von Privatpersonen oder Einzelkaufleuten werden nicht berücksichtigt. Eigene technische Kompetenz ist nicht zwingend notwendig, für viele Bewerber empfiehlt sich die Zusammenarbeit mit spezialisierten Registry Service Providern.
Von wann bis wann ist das Bewerbungsfenster geöffnet?
Das Bewerbungsfenster öffnet sich am 30. April 2026 um 23:59 (UTC). Es ist 105 Tage lang geöffnet und schließt daher voraussichtlich am 12. August 2026 um 23:59 Uhr (UTC). Während der gesamten Bewerbungsphase gilt der Grundsatz des „first come, first served“ nicht; es hat also keinen Einfluss auf die Bewerbung, ob man zu den ersten Bewerbern zählt oder zu den letzten.
Wie läuft das Bewerbungsverfahren ab?
Das Bewerbungsverfahren verläuft in mehreren Phasen:
- Bewerbungseinreichung: elektronische Antragstellung über das „TLD Application Management System“ (TAMS) inklusive umfassender Dokumentation
- Administrative und technische Prüfung: umfassende Bewertung einer Bewerbung durch ICANN unter Berücksichtigung von Sicherheit und Stabilität des Domain Name Systems (DNS)
- Öffentliche Kommentierungsphase: Möglichkeit für Dritte, Einwände gegen eine Bewerbung zu erheben
- Konfliktlösung: bei konkurrierenden Bewerbungen (z. B. um die gleiche Zeichenkette) Mediation bis hin zu einer Auktion, bei welcher der Meistbietende den Zuschlag erhält
- Delegierung: Aufnahme der gTLD in die Root Zone nach erfolgreicher Prüfung
Um welche Domain-Endung(en) kann ich mich bewerben?
ICANN unterscheidet, verkürzt dargestellt, zwischen folgenden Kategorien von Bewerbungen: (i) allgemein-beschreibend, (ii) Community-TLD, (iii) geographischer Name, (iv) reservierter Name, (v) Marken-Endung (».brand«), (vi) internationalisierte TLD (IDN), (vii) Variante einer bestehenden gTLD sowie Anträge von Regierungen und zwischenstaatlichen Organisationen. Für jede Kategorie gelten eigene Zulassungsvoraussetzungen. Vereinfacht gilt: jede Domain-Endung muss eine Mindestlänge von drei Buchstaben (keine Zahlen) aufweisen, darf keiner Abkürzung auf der ISO-3166-1-Kodierliste entsprechen und nicht bereits vergeben sein.
Kann man nach dem 30. April 2026 öffentlich einsehen, wer sich um welche Top Level Domain beworben hat?
Solange das Bewerbungsfenster geöffnet ist, veröffentlicht ICANN keine Informationen zu den eingegangenen Bewerbungen. Sollten keine außergewöhnlichen Umstände eintreten, plant ICANN, die Liste aller eingegangenen Bewerbungen neun Wochen nach Schließung des Bewerbungsfensters zu veröffentlichen (»reveal day«); das wäre voraussichtlich der 14. Oktober 2026. Die endgültige Bewerberliste wird am »String Confirmation Day« veröffentlicht, da den Bewerbern eine Frist von zwei Wochen nach dem »reveal day« zur Verfügung steht, innerhalb derer sie in Kenntnis aller eingegangenen Bewerbungen unter Umständen eine Ersatzendung benennen können; der »String Confirmation Day« ist daher voraussichtlich am 28. Oktober 2026.
Was kostet eine Bewerbung?
Die Bewerbungsgebühr beträgt US$ 227.000,00, umgerechnet also ca. EUR 195.000,00. Sie ist als Mindestgebühr zu verstehen; je nach Art der Bewerbung (zum Beispiel im Format .brand) können zusätzliche Gebühren anfallen. Insgesamt sollte man für das Bewerbungsverfahren mit Kosten im mittleren bis hohen sechsstelligen Euro-Bereich rechnen, spätere Betriebskosten nicht berücksichtigt.
Welche Regeln gelten für das Bewerbungsverfahren?
Alle Details des Bewerbungsverfahrens sind im Bewerberhandbuch (»Applicant Guidebook«, kurz: AGB) geregelt, dessen vorläufige Endfassung ICANN kurz vor Weihnachten 2025 veröffentlicht hat. Das AGB mit seinen 440 Seiten ist das Handbuch für alle Unternehmen, Marken, Communities und Städte, die sich um eine gTLD bewerben möchten; es enthält sämtliche Bewerbungsfragen, Anforderungen und Verfahren, die durch den Bewerbungs- und Bewertungsprozess führen.
Wo finde ich die aktuelle Fassung des Bewerberhandbuchs?
Die aktuelle Fassung des Bewerberhandbuchs finden Sie unter newgtldprogram.icann.org. ICANN hat sich das Recht vorbehalten, das Bewerberhandbuch fortlaufend zu aktualisieren.
Ist es möglich, einen Nachlass auf die Bewerbungsgebühr zu erhalten?
Ja. Im Rahmen des »Applicant Support Program« (ASP) gewährt ICANN bis zu 75 Bewerbern finanzielle wie nicht-finanzielle Vorteile, die eine Reduzierung der Bewerbungsgebühr um bis zu 85 Prozent beinhalten. Teilnahmeberechtig am ASP sind jedoch lediglich Bewerber aus den folgenden Kategorien: (i) Gemeinnützige Organisationen, Wohltätigkeitsorganisationen oder vergleichbare Einrichtungen, (ii) Zwischenstaatliche Organisationen (IGOs), (iii) Organisationen indigener Völker oder Stammesgemeinschaften, (iv) Kleinst- und Kleinunternehmen mit sozialer Ausrichtung oder gemeinnützigem Charakter und (v) Kleinst- und Kleinunternehmen aus weniger entwickelten Volkswirtschaften.
Was ist ein »Registry Service Provider«?
Als »Registry« wird der Verwalter bzw. Betreiber einer Top Level Domain bezeichnet. In der Praxis bedient sich die Registry häufig eines technischen Dienstleisters (»Registry Service Provider«, kurz: RSP). Der RSP übernimmt im Auftrag der Registry die Bereitstellung der technischen Infrastruktur und fungiert als »Backend« für die Domain-Registrierung; er arbeitet zudem mit den Domain-Registraren zusammen, um Domain-Namen an die Endnutzer zu verkaufen. Namhafte deutschsprachige RSPs sind die DENIC Services GmbH & Co. KG, die tldbox GmbH sowie die Knipp Medien und Kommunikation GmbH. Eine vollständige Liste qualifizierter RSPs finden Sie unter newgtldprogram-2026-documents.icann.org.
Ich möchte mich nicht um eine Top Level Domain bewerben. Aber was kann ich tun, um meine Marke(n) zu schützen?
Das Bewerbungsverfahren sieht mehrere Rechtsschutzverfahren (»Rights Protection Mechanisms«, kurz: RPM) vor. In jedem Fall hilfreich ist ein Eintrag der eigenen Marke(n) im »Trademark Clearinghouse«, erreichbar unter trademark-clearinghouse.com. Es dient dem Schutz der Markenintegrität und des Verbrauchervertrauens, indem es Markeninhabern die Möglichkeit gibt, Markenverletzungen proaktiv zu verhindern. Eintragungen sind ab US$ 155,– im Jahr erhältlich.
Wo finde ich weitere Informationen?
Unter der Adresse newgtldprogram.icann.org hat ICANN zahlreiche weiterführende Informationen zur Einführungsrunde 2026 zusammengestellt, die fortlaufend aktualisiert werden.
Wird es weitere gTLD-Einführungsrunden geben?
ICANN geht davon aus, dass es in Zukunft weitere Runden zur Einführung neuer gTLDs gibt. Wann das sein wird, ist derzeit jedoch völlig offen; eine dritte Einführungsrunde noch in diesem Jahrzehnt gilt als sehr unwahrscheinlich.
Fazit
Die gTLD-Bewerbungsrunde 2026 stellt eine seltene strategische Gelegenheit dar, die eigene digitale Markenführung grundlegend zu erweitern. Gleichzeitig erfordert der Prozess erhebliche Ressourcen und sorgfältige Planung. Unternehmen sollten individuell evaluieren, ob und wie eine eigene Domain-Endung in ihre Gesamtstrategie passt. Eine enge Abstimmung zwischen Marketing-, Rechts- und IT-Abteilungen ist dabei entscheidend. Wer gut vorbereitet ist, kann sich nachhaltige Wettbewerbsvorteile sichern und wirtschaftliche wie rechtliche Nachteile für die eigene Marke vermeiden.