UDRP

Howard Neus Überblick über UDRP-Entscheidungen der The Forum-Panelisten für Q2/2022

Domain-Anwalt Howard Neu führt seit einigen Jahren Listen von UDRP- und URS-Entscheidern bei WIPO und NAF, die Streitbeilegungsverfahren zu Gunsten von Domain-Inhabern entscheiden. Dieser Tage legte er zwei Artikel mit aktuellen Listen der Forum-Panelisten für das zweite Halbjahr 2022 vor. Wie schon beim letzten Mal berücksichtigte Neu nun auch die Standard-Entscheidungen beim Rückblick auf das vergangene UDRP-Entscheidungshalbjahr.

Der US-amerikanische Rechtsanwalt Howard Neu ist Kenner der Domain-Investoren-Landschaft und der juristischen Nöte von Domainern im Falle von UDRP-Verfahren. Er bereitet Listen von UDRP-Entscheidern auf, die Domainer-freundliche Entscheidungen treffen. Diese Kenntnis hilft Beschwerdegegnern eines UDRP-Verfahrens, die eigenen Chancen im Verfahren zu erhöhen: man kann ein Gremium aus drei Panelisten beantragen und sich dabei einen Domainer-freundlichen Panelisten auswählen, der dann mitentscheidet. Für 2022 berücksichtigt Neu erstmal alle ergangenen Entscheidungen, also auch die Beschwerdeführer-freundlichen. Die Listen orientieren sich auch daran, wer die meisten Entscheidungen getroffen hat. Zusätzlich wird die Anzahl der Abweisungen berücksichtigt. Zunächst beschäftigt sich Neu in zwei aktuellen Artikeln mit den UDRP-Entscheidungen von „The Forum“ (ehemals National Arbitration Forum (NAF)):

Im 2. Halbjahr 2022 trafen die Panelisten des Forum insgesamt 1.261 Entscheidungen. 1.207 Entscheidungen (95,7 Prozent) mündeten in Transfers der Domains, 54 (4,3 Prozent) in Abweisungen, bei denen es wiederum 4 Fälle von Reverse Domain Name Hijacking gab. Nur in 69 Verfahren der insgesamt 1.261 meldete sich der Gegner zu Wort. In 47 dieser Fälle (68 Prozent) wurde gleichwohl auf Transfer entschieden, aber immerhin 22 Mal (32 Prozent) die Beschwerde abgewiesen – eine mit zusätzlichem Reverse Domain Name Hijacking. Bei den 1.192 Fällen (94,5 Prozent), bei denen sich kein Gegner meldete, kam es in 1.160 (97,3 Prozent) zu Transfer-Entscheidungen, während 32 Fälle (2,7 Prozent) zu Abweisungen führten, 3 darunter mit Reverse Domain Name Hijacking. Interessanter wird es, wenn man auf die Panelisten (Entscheider) schaut: von den 1.192 Entscheidungen gehen allein 1.034 auf das Konto von 11 Panelisten, die restlichen 158 Entscheidungen teilten sich 18 weitere Panelisten untereinander auf. Die meisten Entscheidungen traf der in der Schweiz niedergelassene Jurist Richard Hill, nämlich 179 (174 Transfers und 5 Abweisungen), wobei man sich klar machen muss, dass das 2. Halbjahr 2022 184 Tage aufweist. Die Liste der Panelisten mit den meisten Entscheidungen beginnt dann so:

Panelist Fälle
Richard Hill179
Dawn Osborne147
Paul Dicicco115
Alan Limbury107
David Sorkin91

Im Jahresüberblick 2022 verschärft sich die Zählung noch: Richard Hill hat in 2022 308 Verfahren bei The Forum entschieden oder war bei Entscheidungen beteiligt, wenn ein Dreier-Panel bestellt war. Von diesen Verfahren führten 300 zu einem Domain-Transfer. Neu fragt sich, wie Hill den einzelnen Beschwerden habe gerecht werden können. Das Forum kommt in 2022 auf insgesamt 2.381 Fälle, von denen 2.285 (96 Prozent) zu Gunsten der Beschwerdeführer ausgingen. In 144 Fällen meldete sich der Gegner, wobei 93 (64,5 Prozent) in Transfers mündeten und 51 (35,5 Prozent) in Abweisungen. In 10 Fällen wurde Reverse Domain Name Hijacking (RDNH) festgestellt.

Die meisten Beschwerden abgewiesen haben im 2. Halbjahr 2022:

Panelist Fälle RDNH
Debrett Lyons71
Richard Hill6
Nicholas Smith5
Alan Limbury41
Sandra Franklin11

Die meisten Beschwerden über das Jahr 2022 abgewiesen haben:

Panelist Fälle RDNH
Richard Hill9
Terry Peppard83
Debrett Lyons6
Alan Limbury62
Nicholas Smith6

Über die Jahre haben die meisten Beschwerden abgewiesen:

Panelist Fälle
Debrett Lyons131
Hon. Neil Brown101
David Sorkin69
Darryl Wilson56
James Carmody54

Bei der Bewertung, ob ein Panelist tatsächlich Domainer-freundlich entscheidet, kommt es allerdings letztendlich darauf an, wie der Einzelfall gestaltet ist. Wenn ein Panelist immer wieder hanebüchene Beschwerden vorgelegt bekommt, wird er nicht anders können, als sie abzuweisen, auch wenn er gegen Domain-Investoren voreingenommen ist.

Informationen zur Aufstellung der Daten des Forum für das 1. Halbjahr 2022 von Howard Neu finden Sie hier.

gTLDs

Die Regierungsendung .gov wird jetzt von Cloudflare verwaltet

Die von der »Cybersecurity and Infrastructure Security Agency« (CISA) verwaltete US-Regierungsdomain .gov hat sich offenbar für einen neuen Registry-Service-Provider entschieden:

Cloudflare Inc., ein US-amerikanisches Unternehmen, das ein Content Delivery Network, Internetsicherheitsdienste und verteilte DNS-Dienste bereitstellt, hat nach eigenen Angaben einen Vertrag im Wert von US$ 7,2 Mio. zur Bereitstellung von Registrar- und autoritativen DNS-Diensten für die staatliche Top Level Domain .gov abgeschlossen. Im Rahmen dieses Vertrags wird Cloudflare verwaltete Nameserver für die Zone .gov und Hosting mit autoritativem DNS für .gov-Domains bereitstellen. Des Weiteren unterstützt Cloudflare unter anderem dabei, die Angriffsfläche von Infrastruktur und Regierungsorganisationen mit Verbindung zu .gov zu verringern. Unklar ist, ob sich auch VeriSign, der bisherige Dienstleister für .gov, um diesen Vertrag beworben oder sich freiwillig zurückgezogen hat. Mit rund 8.600 registrierten Domains zählt .gov zwar nicht zu den zahlenmäßig wichtigsten Endungen der Welt, aber zu jenen mit dem meisten Prestige. Für Cloudflare ist es zudem der erste Schritt in die Welt der Registries – gut möglich, dass weitere Endungen folgen.

März

Das 116. IETF-Treffen findet Ende März in Yokohama (Japan) statt

Das 116. Treffen der Internet Engineering Task Force (IETF) startet am 25. März 2023 als Präsenzveranstaltung unter dem Titel »IETF 116 Yokohama« in Yokohama (Japan). Eine Online-Teilnahme ist selbstverständlich auch möglich.

Das IETF 116 findet von Samstag, den 25. bis Freitagnachmittag, den 31. März 2023 in Yokohama statt. Mittlerweile sind die Präsenzveranstaltungen beim IETF wieder Routine. Die üblichen Begleitveranstaltungen, der IETF Hackathon und der IETF Codesprint, finden ebenfalls vor Ort und zwar am Wochenende 25./26. März 2023 statt. Hierbei kann man sich auch online dazuschalten. Die Trainings und Tutorien für Neuzugänge werden wie gehabt am Sonntagnachmittag gegeben. Die Agenda für die Veranstaltung ist noch nicht veröffentlicht.

Das IETF 116 Yokohama findet von Samstag, 25. bis Freitag, 31. März 2023 im Convention Center PACIFICO, 1-1-1 Minato Mirai, Nishi-ku, Yokohama 220-0012 (Japan) statt. Optional kann man auch online teilnehmen. Der »Onsite Week Pass« ist bis 06. Februar 2023 für US$ 700,– zu haben; wer nur Remote dabei sein will, zahlt US$ 230,–. Der »One-Day Pass« und der »Student Pass« sind günstiger. Alle Preise steigen, je näher der Veranstaltungstermin rückt. Die Teilnahme am Hackerton kostet nichts. Teilnehmer nutzen für den Überblick und weitere Informationen die iOS/iPad-App bzw. die Android-App »IETFers«. Das darauf folgende IETF 117 findet im Juli 2023 in San Francisco (USA) statt.

sex.com

Happy End für mindestens US$ 20 Mio.

Sex.com, die wohl wertvollste Domain der Welt, steht nach rund zehn Jahren erneut zum Verkauf: für mindestens US$ 20 Mio. erhält der Käufer nicht nur die Internetadresse, sondern zusätzliche Leistungen.

Seit sie im September 1995 ihrem damaligen Inhaber Gary Kremen auf strafbare Weise abhanden kam, gilt sex.com als Skandal-Domain schlechthin. Kremen hatte die Domain 1994 registriert, doch im Herbst 1995 gelang es dem Ex-Häftling Stephen Cohen, durch ein vermutlich gefälschtes Schreiben an den Registrar Network Solutions, sie auf sein Unternehmen übertragen zu lassen. Die folgenden Jahre verbrachte man im Streit, in dem schließlich Anfang 2001 der Supreme Court der Auffassung von Kremen folgte und bestätigte, dass die Domain unrechtmäßigerweise an Cohen übertragen worden war. Es wurde seinerzeit zudem bekannt, dass die Domain durchschnittlich US$ 17.000,– an Umsatz einbringt – pro Tag! Im Jahr 2006 landete sex.com für US$ 11,5 Mio. bei Escom LLC. Das Unternehmen verstand es aber nie, das Potential der Domain zu nutzen und verzettelte sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, was zu einem Insolvenzantrag führte. Beim United States Bankruptcy Court for the Central District of California verständigte man sich im Frühjahr 2010 schließlich darauf, die Domain über Sedo zu verkaufen. Die daraufhin eingeleitete Suche nach einem geeigneten Käufer fand nach drei Monaten ihren Abschluss: die Clover Holdings Limited, ein auf St. Vincent und die Grenadinen in der Karibik ansässiges Unternehmen, sicherte sich die Domain. Der von Sedo offiziell bestätigte Kaufpreis lag bei US$ 13 Mio.

Diese Summe wird beim nun anstehenden Verkauf allerdings nicht genügen. Wie der Inhaber mitteilt, erwartet er ein

»Minimum bid $20 million USD with a minimum of $10 million paid immediately in cash upon closing.«

Gebote können seit dem 18. Januar 2023 noch bis zum 31. Januar 2023 eingereicht werden. Zusätzliche Informationen sind aus einer frei erhältlichen Präsentation ersichtlich; demnach steht nicht nur die Domain sex.com zum Verkauf, sondern auch alle Domain-bezogenen Marken, die jedoch nicht einzeln genannt sind. Weiter stehen nach Ermessen des Inhabers zum Verkauf: »Source code deployed on sex.com and sex. com/pins«, »Operational databases and all associated data«, »User accounts«, »Sex.com related social media accounts in the Seller’s controll« und »The associated corporate entities«. Zudem werden erwähnt »Advertising relationships«, »Hosting relationships«, »Merchant processing« und »Other vendor relationships«. Die Zahl der »unique visitors« soll durchschnittlich bei etwa einer Mio. täglich liegen, wobei 36,3 Prozent aus den USA und Kanada stammen, weitere 23,2 Prozent aus der EU. Wer nähere Informationen benötigt, kann sich über die eMail-Adresse auction@sex.com melden oder ein Kontaktformular nutzen.

Wer sich für die ganze Story um sex.com interessiert, dem sei das Buch »Sex.com: One Domain, Two Men, Twelve Years and the Brutal Battle for the Jewel in the Internet’s Crown« vom Domain-Experten Kieren McCarthy ans Herz gelegt. Das Buch ist auf Englisch bei Quercus Publishing unter der ISBN 1905204663 erschienen.

ccTLDs

Kenias Landesendung .ke soll populärer werden

Das Kenya Network Information Centre (KeNIC), Registry der kenianischen Länderendung .ke, hat der afrikanischen Konkurrenz den Kampf angesagt.

In einem Interview teilte Geoffrey Shimanyula, Chairman des KeNIC, mit, dass .ke im November 2022 erstmals die Marke von 100.000 Domain-Registrierungen überschritten hat; aktuell steht man bei rund 110.000 Registrierungen, wobei der Anteil der aktiven Webseiten bei 80 Prozent liegt. Nun liege der Fokus von KeNIC darauf, dass diese Domains auch verlängert werden. Im afrikanischen Vergleich liegt .ke damit derzeit hinter .sa (Süd-Afrika) und .ng (Nigeria). Die Corona-Pandemie beschreibt Shimanyula als »win-lose«-Situation; viele Unternehmen hätten schließen müssen, der Bereich eCommerce hätte dagegen für einen Anstieg an Nachfragen nach .ke gesorgt. Zum Erfolg von .ke beitragen sollen weiter günstige Gebühren; für die Registrierung einer .ke-Domain fallen KES 1.000,– an, umgerechnet rund EUR 7,35; im Fall der Vertragsverlängerung sind es KES 800,–, umgerechnet rund EUR 5,90. Gerade Markeninhaber, die in Afrika tätig sind, sollten deshalb über eine präventive Registrierung ihrer Marken nachdenken; die Kosten der Verfolgung einer Rechtsverletzung dürften jedenfalls deutlich höher sein.

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