Background

Was macht eigentlich ICANN?

Zahlreiche Male wurde im domain-recht.de Newsletter über ICANN berichtet. Grund genug, sich einmal näher mit dieser Institution zu beschäftigen.

1. Welche Aufgaben kommen der ICANN zu?

Die Abkürzung ICANN steht für „Internet Corporation for Assigned Names and Numbers“. ICANN, die oftmals als die „Regierung des Internet“ (Der Spiegel) bezeichnet wird, ist eine Non-Profit Organisation mit Sitz in Marina del Rey, Kalifornien. Der ICANN wurde im Oktober 1998 vom US-Handelsministerium die technische Organisation des Internet, insbesondere die Verwaltung der IP-Adressen und die Weiterentwicklung des Domain Name Systems (DNS) übertragen. Zuvor hatte diese Aufgabe die IANA (Internet Assigned Numbers Authority) inne. ICANN verwaltet mit dem DNS ähnlich einem menschlichen Nervensystem die entscheidende Schaltzentrale des Internets. Daneben obliegt ICANN die Aufsicht über das Root Server System, insbesondere des A-Root-Servers.

Es handelt sich aber bei ICANN nicht um eine „Verwaltung“ oder gar „Regierung“ im klassischen Sinne, da ihr hierzu Kompetenzen und finanzielle Ausstattung fehlen. Dennoch ist sie faktisch mittlerweile die anerkannte Ansprechpartnerin und Entscheidungsträgerin in Regelungen, die das Domain Name System (DNS) betreffen. Folglich ist auch die größte Veränderung des Internets eng mit ICANN verbunden: im November 2000 hat ICANN mit .aero, .biz, .coop, .info, .museum, .name und .pro die Einführung sieben neuer generischer Top Level Domains beschlossen.

ICANN hat zudem eine Uniform Domain Name Dispute Resolution Policy (UDRP) geschaffen, die als Grundlage der Schlichtung von Domain-Streitigkeiten, wie zum Beispiel durch die Genfer WIPO dient.

> offizielle ICANN-Website
> deutsche Infosite rund um ICANN
> offener ICANN-Arbeitskreis

2. Welche Bedeutung hat die Kontrolle des A-Root-Server („The Root“)?

Weltweit gibt es 13 sogenannte Root Server, die mit den Buchstaben A bis M näher gekennzeichnet sind und von ICANN verwaltet werden. Zehn der Root-Server stehen in den USA. Als zentraler Rechner dient dabei der A-Root-Server im US-Bundesstaat Virginia. Alle anderen Root-Server enthalten die gleichen, für das Internet lebenswichtigen Informationen: die IP-Adressen für alle gTLDS sowie alle weltweit verfügbaren ccTLDs. Die Root-Server bilden also das Gehirn des Domain Name Systems. Im Bezug auf ICANN wird damit der folgende Satz klar : „Who controls the root, controls the internet“.

Praktisch muss man sich das folgendermassen vorstellen: Wenn zum Beispiel die Adresse domain-recht.de in den Browser eingetippt wird, splittet zunächst einer von tausenden „Domain Name Resolvern“ die Adresse in Top Level Domain (.de) und Second Level Domain (domain-recht) auf. Die Informationen hierzu hat er von den Root-Servern erhalten. Dann leitet er die Anfrage an die .de-Registry weiter, also die DENIC. Und die kann dann die Domain der entsprechenden IP-Adresse und damit einem eindeutigen Zielcomputer zurechnen.

> Übersicht der Root-Server

3. ICANN – im Kreuzfeuer der Kritik

Trotz aller Privatisierungsbestrebungen untersteht ICANN nach wie vor dem US-Wirtschaftsministerium. So war etwa die Einführung der sieben neuen Domain-Endungen von der ausdrücklichen Zustimmung der US-Regierung abhängig. Dies legt den Schluss nahe, dass die USA einen starken Einfluss auf die Entwicklung des Internets ausüben und so dessen Unabhängigkeit beschneiden könnten.

Nach Ansicht vieler Kritiker besteht bei ICANN zudem ein erhebliches Demokratiedefizit, da es an Transparenz und wirksamer Kontrolle fehlt. So wurden bisher lediglich fünf der insgesamt 19 ICANN-Direktoren von der weltweiten Internet-Gemeinde (at-large membership) gewählt. Auch im Rahmen des Einführungsprozesses neuer Top Level Domains kam es zu kontroversen Diskussionen, da die Internet-User mit streng zugangsbeschränkten Endungen wie .museum statt frei zugänglicher Adressen wie .web oder .shop ihre Forderungen nicht erfüllt sahen. Zudem trugen Klagen von ICANN-Direktoren gegen ICANN selbst dazu bei, in der Öffentlichkeit den Eindruck einer zerstrittenen Monopolorganisation („Olympisches Komitee“) zu erwecken.

ICANN hat auf diese Vorwürfe mittlerweile reagiert und umfangreiche Reformbestrebungen eingeleitet. Vor allem die Betreiber von Länder-Endungen (ccTLDs) drängen ICANN zur strikten Beschränkung auf seine Kernaufgabe, nämlich die technische Koordination des Adressraums.

> ICANN-kritisches Forum icannwatch.org

4. Wie sieht die Zukunft von ICANN aus?

Mitte September 2002 verlängerte das US-Handelsministerium (Department of Commerce) in einem Memorandum of Understanding (MoU) den Vertrag der Internet-„Regierung“ ICANN um ein Jahr bis zum 30. September 2003. Dies wurde von der internationalen Internet-Community mit eher gemischten Gefühlen aufgenommen. Zunächst einmal machte das US-Wirtschaftsministerium deutlich, dass man mit dem Fortschritt der Arbeit von ICANN nicht zufrieden sei. Mit der Vertragsverlängerung gehen strengere Kontrollen seitens des Ministeriums einher: ICANN muss nun nicht mehr jährliche, sondern vierteljährlich Berichte abliefern. Zugleich will das Ministerium mehr Einfluss nehmen und bei den zahlreichen internationalen ICANN-Konferenzen eine „aktivere Rolle“ spielen. Nach Ansicht des Ministerium sei vorrangig die „Sicherheit der Domain Name Server“ zu gewährleisten. Gerade hierbei machte ICANN in den vergangenen vier Jahren nur langsame Fortschritte.

ICANN steckt damit in einem Dilemma: Einerseits verstärkt das
US-Handelsministerium seinen Einfluss und drängt auf die Zusammenarbeit mit den nationalen Rootserver-Verwaltern, um schnellstmöglich die Sicherheit und Stabilität der Domain Name Server zu erhöhen; auf der anderen Seite braucht ICANN dazu auch die Mithilfe der regionalen Domain-Vergabestellen wie der DENIC, denen aber gerade der Einfluss der US-Regierung entschieden zu groß ist, und die selbst stärker an Entscheidungen hin zu einer dezentralisierten Internet-Verwaltung teilhaben wollen. Es ist zu befürchten, dass ICANN zwischen diesen beiden Lagern aufgerieben wird.

Wer sich intensiv mit dem Thema ICANN beschäftigen möchte, dem empfehlen wir folgendes Buch:

Mueller, Milton L. „Ruling the Root – Internet Governance and the Taming of Cyberspace“ MIT Press, 2002, ISBN 0-262-13412-8, EUR 35,91

  1. Michael

    Welche domainendungen sind denn damit nicht unter der kontroller der ICANN? So wie ich das sehe kontrolliert die ICANN alle domainendungen weltweit, oder gibt es doch unabhängige?

    Antworten

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