WSIS

ein Gipfel, aber viele Sieger

Kaum sind die letzten versöhnlichen Worte des Weltgipfels der Informationsgesellschaft (WSIS) gesprochen, geht der Streit um die Verwaltung des Domain Name System von vorne los: jede Seite erklärt sich zum Sieger. Doch gewonnen hat allein ICANN.

In Tunis prallten zwei Welten aufeinander: da die Ingenieure, denen einzig an der Funktionalität, der Sicherheit und Stabilität des Internets gelegen ist, dort die Politiker, die um Macht und Einfluss fürchten. Die Tatsache, dass sich trotz der fundamentalen Unterschiede beide Seiten feiern lassen, zeigt klar, wie offen und wachsweich das Abschluss-Papier des Gipfels formuliert ist. So begrüsste etwa ICANN das Gipfel-Papier in einer ersten Presseerklärung, und sah sich in seiner Rolle als Multi-Interessenvertreter gestärkt. ICANN-Präsident Paul Twomey äusserte zufrieden, mehr als eine Milliarde Internetnutzer könnten sich darauf verlassen, dass das Internet weiterhin stabil und sicher funktioniere. Zu einem rechtshistorischen Ergebnis kommt Hans Klein, Rechtsprofessor am Georgia Institute of Technology. Seiner Auffassung nach hat sich ICANN gewandelt. Geschaffen im Keller des US-Handelsministeriums als ein Frankstein-ähnliches Monster, konnte ICANN seine Position durch das Abschlusspapier mehr denn je legitimieren und nunmehr einen klaren Auftrag der nationalen Regierungen erhalten. Die Aufgabenverteilung bei der Internet-Verwaltung sei festgelegt: ICANN kümmert sich um das technische, der Rest wird vom „Internet Governance Forum“ (IGF) übernommen.

Gegenteiliger Behauptungen zum Trotz ist dagegen nach einhelliger Meinung die Position der International Telecommunication Union (ITU) geschwächt. Generalsekretär Yoshio Utsumi sprach sich in Tunis für eine stärkere Regionalisierung des Internets aus, und lobte etwa die chinesischen Bemühungen um ein eigenes Intranet – wobei er deren Motive unter den Tisch fallen ließ. Die Gipfel-Ergebnisse lehnte er dagegen als falsch ab, und brachte sich so im Ansehen der Community weiter ins Abseits.

Bei aller Freude an der Theorie: Otto Normaluser interessiert nur, dass er schnell und problemlos surfen und seine Domains registrieren kann. Was wie selbstverständlich klingt, war vor Tunis in Gefahr. Nunmehr ist festzuhalten, dass sich an der bisherigen Verwaltung des Domain Name Systems durch ICANN jedenfalls kurz- und mittelfristig nach Abschluss des Gipfels nichts ändern wird. Und was das IGF auf seinem ersten Treffen nächstes Jahr in Griechenland debattieren oder gar entscheiden wird, steht in den Sternen.

Das Abschlusspapier des WSIS findet man hier.

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