.versicherung wird versteigert

Axel Schwiersch im exklusiven Interview

Axel Schwiersch, Jahrgang 1967, ist Versicherungsfachwirt (IHK) und seit 1987 in der Versicherungsbranche tätig. Seit 1996 engagiert er sich im Onlinemarketing. 2002 schuf er mit datensatzboerse.de Deutschlands erste und heute größte Onlinebörse für Neukundenkontakte. Als Geschäftsführer der dotversicherung-registry GmbH organisierte er das Projekt .versicherung und ist zudem einer der Initiatoren dieses Projekts. Knapp ein Jahr nach dem Registrierungsstart steht .versicherung aber nun zum Verkauf.

Sehr geehrter Herr Schwiersch, Sie haben sich im Jahr 2012 bei der Internet-Verwaltung ICANN erfolgreich für die Top Level Domain .versicherung beworben, um für die Unternehmen der Versicherungswirtschaft neuen Raum im Internet zu schaffen. Seit September 2014 sind die ersten Domains registrierbar. Doch vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass .versicherung eine neue Registry sucht und versteigert werden soll. Warum haben Sie nach knapp einem Jahr beschlossen, .versicherung zu verkaufen?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen haben sich die Erwartungen an Registrierungszahlen nicht in vollem Umfang erfüllt. Unsere TLD steht im Vergleich mit anderen TLDs hinsichtlich registrierter Domains und besonders in Bezug auf den Umsatz zwar sehr positiv da. Die Planzahlen aus 2011 und 2012 wurden aber nicht erreicht. Ein Unternehmen, das bereits mehrere TLDs betreibt, kann natürlich Skaleneffekte nutzen und erwirtschaftet bei gleichem Umsatz höhere Profite. Ein Verkauf ist daher wirtschaftlich sinnvoll.

Die inoffiziellen Statistiken weisen aktuell über 3.000 registrierte .versicherung-Domains aus. Haben sich Ihre Erwartungen damit erfüllt, oder anders gefragt: ab wie vielen Domains ist der Betrieb rentabel?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Eine High Security TLD wie .versicherung erwirtschaftet bereits mit wenigen Domains ansehnliche Erlöse, weil der Domainpreis hier deutlich höher ist. Bei unserer aktuellen Kostenstruktur haben wir den Break Even voraussichtlich noch in diesem Jahr erreicht. Ein Betreiber von über hundert TLDs würde mit der .versicherung-TLD aber voraussichtlich schon mehrere hunderttausend Dollar Profit erwirtschaften.

Die Registrierungsbedingungen sehen vor, dass .versicherung als »restricted TLD« nur den Unternehmen der Versicherungsbranche oder Unternehmen mit einem unmittelbaren Bezug zur Versicherungsbranche offen steht. Privatpersonen oder nicht zugelassene Vermittler können also keine .versicherung-Domain registrieren. Auch die Registrierungsgebühren bewegen sich mit einer Spanne von EUR 100,– bis EUR 250,– eher im oberen Bereich. Wenn Sie das Rad der Zeit zurückdrehen könnten: würden Sie an diesen hohen Hürden für eine Registrierung etwas ändern?

Nein, auf keine Fall. An Finanz-TLDs wie .bank, .secure und .versicherung stellen Stakeholder besondere Anforderungen hinsichtlich Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit. Verbraucher können sicher sein, dass Registranten, die mit einer .versicherung-Domain im Netz auftreten auch Mitglied der deutschsprachigen Versicherungswirtschaft sind. Im Gegenzug sind diese Registranten auch bereit, etwas höhere Domainpreise zu zahlen. Privatpersonen und Unternehmen anderer Branchen steht heute eine Vielzahl alternativer Domainendungen zur Verfügung.

Mit der Versteigerung von .versicherung haben Sie RightOfTheDot und Heritage Auctions beauftragt. Was genau ist Gegenstand der Auktion, und wann findet Sie statt?

Die Auktion findet am 26. August statt, versteigert wird das Recht, die TLD .versicherung betreiben zu dürfen.

Was muss ich tun, um an der Auktion teilzunehmen, und welche Voraussetzungen muss ich erfüllen?

Sie sollten sich auf der Webseite von RightOfTheDot registrieren. Sinnvoll ist es natürlich, wenn Sie die Anforderungen, wie sie im Applicant Guidebook beschrieben sind, erfüllen.

Wenn ich an .versicherung interessiert bin: mit welchem Budget sollte ich kalkulieren, und welche jährlichen Kosten fallen für den Registry-Betrieb nach Ihren Erfahrungen in etwa an?

Wie schon gesagt, das hängt davon ab, ob und wie viele TLDs Sie schon betreiben. Wer nur eine TLD betreibt sollte meines Erachtens schon mehr als EUR 300.000,– erwirtschaften. Wer hundert TLDs betreibet, kommt vielleicht auch mit EUR 40.000,– jährlichen Kosten je TLD aus.

Nach unbestätigten Angaben soll das Mindestgebot für .versicherung bei US$ 750.000,– liegen. Mit wie vielen Interessenten rechnen Sie, und in welcher Höhe bewegt sich nach Ihrer Schätzung voraussichtlich ein erfolgreiches Gebot?

Die Anzahl der Bieter sehen wir am Tag der Auktion. Ein erfolgreiches Gebot muss auf jeden Fall über US$ 750.000,– liegen.

Sollte sich wider Erwarten niemand finden, der .versicherung ersteigert: wie geht es dann mit dieser neuen Domain-Endung weiter?

Dann werden wir .versicherung weiter betreiben. Und vielleicht in einigen Jahren einen erneuten Anlauf für einen Verkauf nehmen. Auf Basis des bisherigen Interesses an der Auktion bin ich aber ganz zuversichtlich.

Im Rahmen des nTLD-Programms von ICANN wurden inzwischen über 700 neue Domain-Endungen delegiert. Wie beurteilen Sie den bisherigen Verlauf? Welche Endungen und welche Geschäftsmodelle haben aus Ihrer Sicht die größten Erfolgschancen?

Dass Kunden heute mehr Freiheit bei der Auswahl ihrer Domain haben und deshalb auch prägnantere Domains wählen können, ist sicher zu begrüßen. Aus Sicht einer Registry gilt es – wie in jeder anderen Branche auch – die Nische zu finden. Eine pauschale Erfolgsformel gibt es meines Erachtens nicht. Eine TLD wie .bank wird ein anderes Geschäftsmodell verfolgen als zum Beispiel die TLD .xyz. Eine hilfreiche Frage ist möglicherweise: »Wie viele Menschen und Unternehmen auf diesem Planten identifizieren sich voraussichtlich soweit mit meinem TLD-String, dass Sie bereit sind, dafür Geld auszugeben?«

Welche Erfahrungen haben Sie im Umgang mit der Internet-Verwaltung ICANN gemacht?

Ich habe eine kleine Familie und bereits hier alle Interessen in Einklang zu bringen, ist eine stete Herausforderung. Daher habe ich größte Hochachtung vor der Leistung von ICANN. Beim Thema Internet wollen und dürfen alle mitreden: Demokratien und Diktaturen, tolerante wie fundamentalistische Religionsvertreter, Techniker und DAUs, Registries, Registrare, Markenrechtsvertreter und natürlich ganz gewöhnliche Nutzer. Diese Vielzahl unterschiedlichster Interessen zu berücksichtigen und ein letztlich zu einem für alle akzeptablem Ergebnis zu kommen, verdient größten Respekt.

Natürlich hat jeder etwas zu meckern und natürlich dauert alles länger als erhofft. Doch ICANN ist es seit seiner Gründung 1998 gelungen, das Internet zu dem globalen Kommunikationsnetz auszubauen, das wir heute alle ganz selbstverständlich nutzen. Es ist demokratisch, schnell, preiswert und funktioniert stabil. By the way: Als nächsten ICANN CEO möchte ich Ethan Hunt vorschlagen.

Würden Sie einen erneuten Anlauf mit einer anderen Top Level Domain wagen?

Wenn die nächste Bewerbungsrunde ansteht, wäre ich gern wieder dabei. Ich habe selten eine Branche mit so vielen netten Menschen erlebt.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Ein neues Internetprojekt für 2016 liegt bereits in der Schublade.

Herr Schwiersch, wir danken Ihnen sehr für dieses Gespräch.

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