nTLDs

Lehren aus der Domain-Geschichte

Viel wird in diesen Tagen spekuliert um die Möglichkeiten und Wirkungen der neuen Domain-Endungen. Gerne nehmen Fachleute dabei die Einführung früherer Endungen als Markpunkt. Antony van Couvering prüfte die Einführung neuer Endungen anhand der Einführung von .co. Alexa Raab fragte, was wir aus den früheren Startrunden lernen können, um Fehler beim Start der nTLDs zu vermeiden. Die Schlüsse, die die Autoren aus ihren Vergleichen ziehen, sind nachvollziehbar, aber sind sie auch relevant?

Hilft uns der Blick auf frühere, aber ganz andere Erfahrungen, die mit der Einführung neuer Domain-Endungen einhergehen, überhaupt? Schaut man sich um, kommt man zur Ansicht: nein. Anthony van Couvering orientierte sich bei seiner Prognose im September 2010 an der Einführung von .co und meinte unter anderem, der Erfolg der Länderendung .co beruht darauf, dass viele, die .co-Domains registrieren, sich Traffic für Vertipper von .com erhoffen. Bei nTLDs wird es einen solchen Vorteil nicht geben, da ICANN einen „Similarity Test“ bei den Bewerbern vorsieht, so dass solche Vertipperregistrierungen gerade nicht in Betracht kommen. Der Blick auf .co führt nur zur Distanzierung: .co ist kein Vorbild.

Alexa Raab nahm sich die Erfahrungen mit den 2001 eingeführten neuen generischen Endungen ins Visier und stellt zunächst fest: .com ist nach wie vor der König. Die neu eingeführten gTLDs haben bestenfalls 20 Prozent des gTLD-Marktes erobert. Es ließen sich aber drei Lehren ziehen: (1) Um Nutzer zum Umstieg auf die neuen Endungen zu bewegen, darf man den Kostenfaktor auf Nutzerseite nicht unterschätzen. (2) Die Registry muss gute Gründe präsentieren, warum man bei ihr registrieren sollte; man müsse besser, schneller, einfacher, günstiger sein, als andere. (3) Konzeptionelle Entscheidungen wirken sich langfristig auf den Erfolg aus: Laut einer ICANN-Studie vom Februar 2010 zum nTLD-Programm bilden 40 Prozent der im ersten Jahr registrierten Domains den Stamm einer Endung. Die Endung muss früh interessant und populär sein.

Diese Überlegungen und Vergleiche zur Einführung neuer Domain-Endungen sind nichts anderes als Spekulation. Etwas scheint da aber bisher außer Acht gelassen worden zu sein. Zwar hieß es zunächst, man müsse den Namensraum öffnen, weil die guten Domain-Namen alle bereits vergeben seien, aber wie wir bereits in 2001 festgestellt haben: die Marken- und Kennzeichenrechteinhaber werden von ihren Rechten Gebrauch machen. Viele gute Namen werden weiter nicht registrierbar sein, weil sie Rechte Dritter verletzen. Erleichterung bringt das also nicht. Zudem waren die Endungen sehr unterschiedlich konzeptioniert, einige sogar limitiert wie .museum, .coop und .aero. Die oben erwähnte ICANN-Studie macht sehr deutlich, dass diese unterschiedlichen Konzepte zu ganz divergierendem Registrierungsverhalten führen. Deutlich wird aber auch, dass die auf bestimmte Personen- und Kulturgruppen zugeschnittenen Endungen, wie .cat (Katalonien), ihren Erwartungen entsprechend erfolgreich sein können.

Sicher ist: die Startbedingungen sind diesmal anders. Anthony van Couvering hat zu Recht deutlich gemacht, dass, wenn gleichzeitig hunderte von Endungen auf den Markt kommen, jede einzelne nicht viel Aufmerksamkeit erhält. Aber geht es bei den Endungen um die Verfügbarkeit erstklassiger Namen? Nein: es geht um die Endungen. Endungen, die ausdrucksstärker sind und die von vornherein das Nutzungsfeld eingrenzen wollen: .gay, .food, .eco und vor allem die regionalen Endungen wie .berlin, .nyc und .paris sprechen eine andere Sprache. Vorausgesetzt, die jeweiligen Vergabebedingungen berücksichtigen rücksichtslos die Vorgaben, die die Endung erwarten lässt und marginalisiert sich nicht selbst wie .asia. Jede dieser Endungen kann sich für eine Nutzergruppe legitimieren und wie .cat deren Anforderungsprofil vorgeben und erfüllen. Man muss sich als Registry nur Klarheit darüber verschaffen, wie groß die Zahl potentieller Domain-Inhaber ist und entsprechend kalkulieren, damit man auch über das von ICANN geforderte Fünfjahresbudget hinaus kostendeckend arbeitet.

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