Jetzt oder nie

nTLD-Strategie gefragt

Am 12. Januar 2012 öffnet sich erstmals das Bewerbungsfenster um eine neue Top Level Domain. Erste Registrierungen sind für Anfang 2013 geplant. Doch wer glaubt, es bleibe noch ausreichend Zeit, der irrt – wer sich jetzt keine Strategie zurecht legt, dem droht ein Domain-Desaster.

Nehmen wir einmal an, Sie haben einen Verlag und verkaufen Zeitungen. Die besten, angesehensten Zeitungen der Welt, mit den exklusivsten Geschichten. Das Internet mit seiner Gratis-Mentalität war für Sie immer schon ein Graus, und diese Aufregung um Domain-Endungen konnten Sie ohnehin noch nie nachvollziehen. Sie beschließen, erst einmal abzuwarten und zu beobachten, ob sich die Konkurrenz um eine eigene Top Level Domain bewirbt; dann kann man ja immer noch reagieren. Und zur Not sind Sie ja auch markenrechtlich bestens abgesichert; soll es einer wagen, die Kettenhunde Ihrer zudem völlig überbezahlten Rechtsabteilung warten schon. Der 12. April 2012 als letzter Tag des ersten Bewerbungsfensters verstreicht, und Sie glauben weiterhin unbeirrt, dass die Konkurrenz mit einer eigenen Bewerbung sicher keine hunderttausende Euro versenkt hat – mindestens. Doch am 13. April 2012 morgens kommen Sie in Ihr Büro, lesen Ihre eMails und fallen aus dem Stuhl: nahezu die gesamte Konkurrenz hat sich bei ICANN beworben, teils mit völlig neuartigen und spektakulären Geschäftsmodellen. Alles nur geträumt?

Mitnichten. Auch wer sich beklagt: das knappe Zeitfenster von drei Monaten setzt viele Unternehmen weltweit unter Zugzwang. Ob und um welche Endung sich die Konkurrenz bewirbt, will die Internet-Verwaltung ICANN erst nach dem 12. April 2012 bekanntgeben; Zeit, um zu reagieren, gibt es dann nicht mehr. Zwar hat ICANN weitere Bewerbungsrunden angekündigt; wann das sein wird, steht jedoch in den Sternen. Die gewünschte Endung kann dann jedoch schon längst in der Hand der Konkurrenz sein. Und selbst wer sich jetzt bewirbt, muss das Risiko in Kauf nehmen, dass ein Mitbewerber eine identische oder zum Verwechseln ähnliche Domain-Endung haben will; zumindest hat man aber in so einem Fall die Möglichkeit, aktiv zu agieren, anstatt mit gebundenen Händen passiv warten zu müssen. Wer in dieser Situation dann allein auf die Rechtsabteilung setzt, hat von der Komplexität des Markenrechts keine Vorstellung; auch der teuerste Jurist der Welt kann nicht garantieren, dass in irgendeinem entfernten Winkel dieser Welt eine Marke existiert, die Ihren Rechten entgegensteht. Und der Teufel steckt im Detail: da ICANN auf das Merkmal „in use“ verzichtet hat, genügt theoretisch eine frisch eingetragene Marke aus Somalia ohne jede Nutzungsaktivität, um Rechte zu begründen.

All das sollte kein Grund sein, in Panik zu verfallen. Wer weder jetzt noch in 20 Jahren eine sinnvolle Nutzungsmöglichkeit für eine eigene Domain-Endung sieht, kann sich die Bewerbungsgebühren und die Folgekosten sparen. Wichtig ist allein, sich jetzt Gedanken zu machen und die kommenden Wochen zu nutzen, wie man mit dieser historischen Entwicklung des Domain Name Systems umgeht. Das betrifft übrigens nicht nur die Frage der eigenen Top Level Domain, sondern auch die Registrierungen danach. Niemand ist gezwungen, möglichst viele Endungen mit Anmeldungen abzudecken; bei bereits eingeführten neuen Top Level Domains wie .travel oder .jobs lohnt häufig noch nicht einmal eine defensive Registrierung, da sie öffentlich kaum bekannt sind. Wer angesichts der drastischen Änderungen allerdings kopf- und strategielos still verharrt, dem droht, von den Entwicklungen schlicht überrollt zu werden.

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