ICANN

nTLD-Probleme sprengen Zeitplan

Anlässlich des 36. ICANN-Treffens in Seoul gab ICANN bekannt, dass die Einführung der neuen Top Level Domains weiter nach hinten verschoben wird. Zuvor werden weitere Fragen zu klären sein und zumindest eine, wenn nicht noch weitere Versionen des Applicant Guidebook bereitgestellt und diskutiert werden. Die Bewerber um neue Domain-Endungen nehmen das nicht auf die leichte Schulter.

Kurt Pritz, Senior Vice President bei ICANN, gab in der Eröffnungssitzung des ICANN-Treffens eigentlich keine schlechte Nachricht bekannt. Er versicherte, ICANN arbeite an der Sache. Derzeit konzentriert sich ICANN auf das Applicant Guidebook und die Implementierung eines Schutzsystems für Rechteinhaber; zudem würden weitere ökonomische Untersuchungen durchgeführt und die Marktstrukturen überprüft, insbesondere das Verhältnis von Registry und Registrar. Aber als einen der wichtigen Punkte führte Pritz die Skalierung des DNS durch Implementierung von IPv6 an, sowie die Konflikte mit Einführung von DNSSEC. Was in der Runde allerdings nicht zur Sprache kam, war ein konkretes Datum für den Start der Bewerbungen um neue Domain-Endungen. Klar wurde nur, der Einführungstermin verzögert sich und wird weiter nach hinten, jenseits des zweiten Quartals 2010, verschoben.

Der Unmut der potentiellen Bewerber war groß und brach sich in der anschließenden Fragerunde Bahn. Für die zukünftigen Registries bedeuten die Verschiebungen des Starttermins nach hinten erhebliche finanzielle Verluste, die letzten Endes auf die späteren Nutzer abgewälzt würden, meinte Paul Stahura von eNom, der hinzufügte, bei weiteren Verzögerungen verliere das DNS an Relevanz und ICANN mutiere zum müden Debattierclub. Elaine Pruis von Minds + Machines mutmasste, sie habe von einer vierten Version des Applicant Guidebook gehört, und möglicherweise werde es auch eine fünfte oder sechste Version geben. John Toland von TLD Assets berichtet von resignierenden Kunden und bat ICANN zumindest um eine klare Aussage, dass die neuen Domain-Endungen wirklich eingeführt werden. Aber auf diese Frage kam seitens ICANN keine klare Antwort: Toland nahm die Worte Pritz‘ in dem dann geführten Dialog für ein „ja“. Bhavin Turakhia von Directi machte ICANN nochmals deutlich, was weitere Verzögerungen für finanzielle und menschliche Ressourcen verschwenden würden, weil Mitarbeiterteams und deren Ausbildung mehrfach finanziert werden müssten, da immer wieder Leute abspringen, die nicht länger warten wollen; das gelte auch für Finanziers. Weiter würden Unterstützungen aus Kommunen und Regierungen durch Zeitablauf wegbrechen, da die Verantwortlichen mit den Legislaturperioden wechselten. Er schätzte, dass bei den 70 bis 100 potentiellen Bewerbern mit jedem Jahr, um welches sich die Einführung neuer Top Level Domains verzögert, zusätzlich rund US$ 100 Mio. investiert werden müssen.

Die Domain-Spekulanten nehmen diese Verzögerungen positiv. Auch wenn man allgemein davon ausgeht, dass die Werte von .com-Domains durch weitere Endungen nicht geschwächt werden, so ist man doch froh, dass die Konkurrenzendungen sich nicht so bald auf den Markt drängen. Im übrigen stellt man nicht ohne Häme fest, dass die Einführung der neuen Top Level Domains von Anfang an eine unsichere Angelegenheit sei, und man sich jetzt nicht darüber beschweren könne, wenn die finanzielle Kalkulation nicht aufgehe.

Die Aussichten auf eine baldige Einführung neuer Top Level Domains sind also nicht rosig, sie verzögert sich weiter. Doch macht ICANN durchaus auch Fortschritte in diesem Bereich, und veröffentlichte gerade die Liste der insgesamt 12 Bewerber um die Position des unabhängigen Gutachters der Bewerbungen um neue Top Level Domains. Dort finden sich bekannte und unbekannte Unternehmen aus Belgien, den USA, Australien, Großbritannien, dem Iran und aus Jordanien.

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