Offener Brief

Warum Fred Krueger ICANN hasst

Fred Krueger und der nTLD-Spezialist Minds & Machines Group Limited (M&M) gehen künftig getrennte Wege. Was nach einem üblichen geschäftlichen Vorgang klingt, ließ in diesem Fall die gesamte Branche aufhorchen: in einem offenen Brief mit dem Titel »Why I hate ICANN« ließ Krueger seinem Frust freien Raum.

Im Jahr 2009 hatte Krueger gemeinsam mit Antony Van Couvering die auf den Virgin Island ansässige Unternehmung gegründet. Zuletzt hatte er die Rolle des Executive Chairman inne, und konnals solcher erfreuliche Zahlen veröffentlichen: der Geschäftsbericht für 2014 weist einen Ertrag von rund US$ 22 Millionen aus, auf der hohen Kante sammelten sich US$ 45,8 Millionen an. Mit über zwei dutzend nTLDs, darunter .law, .wedding, .fashion, .london und .yoga, hatte man sich auch für Zukunft gut positioniert. Doch offenbar war man sich in der Führung zuletzt nicht immer einig; wie Krueger im Geschäftsbericht mitteilt, sei man auf Initiative des Aufsichtsrats übereingekommen, dass er das Unternehmen verlasse. Künftig wolle er sich stattdessen auf Mozart konzentrieren, eine Software zur Erstellung von Internetseiten. Auf seine Position rückt Keith Teare, ein britischer Unternehmer.

So weit, so gewöhnlich. Doch wenig später ließ Krueger seinem Ärger über die Internet-Verwaltung ICANN freien Lauf. ICANN sei eine der schlimmsten Organisationen und ein Prototyp dafür, was schief geht, wenn sich eine Vereinigung selbst verwaltet. Dazu nennt Krueger sechs Beispiele. So gebe ICANN über US$ 100 Millionen jährlich für Reisen zu Orten aus, an denen sich dann am Ende doch nur immer die selben Leute treffen würden. Ausserdem gebe sich ICANN nur nach aussen offen; tatsächlich handele es sich bei den verschiedensten Arbeitsgruppen um geschlossene Kreise, die mit Neulingen nicht sprechen. Die Diskussionen würden ICANN-Veteranen dominieren, die nichts können ausser sich untereinander zu kennen. Für das nTLD-Programm habe ICANN sieben Jahre gebraucht, obwohl auch eine einwöchige Auktion ausgereicht hätte; der gesamte Prozess sei eine Farce gewesen, und letztlich nur eine Auktion, an der eine Handvoll Insider teilgenommen hat. Lustig macht er sich über das Modell des »Digital Archery«, eine Art digitales Bogenschiessen, das bei Mehrfachbewerbungen um eine nTLDs eingesetzt werden sollte, aber nach fünfmonatiger Diskussion zugunsten eines Losentscheids gekippt wurde. Für die Kategorie »Community«-Bewerbung gebe es keinerlei nachvollziehbare Kriterien; Hotels seien eine solche »Community«, Restaurants aber seltsamerweise nicht. Schließlich liebe es ICANN, auf jede Regel noch eine neue Regelung daraufzusetzen – im Interesse des Verbraucherschutzes. Um als Registrar akkreditiert zu werden, müsse man durch Reifen springen; um Reseller zu werden, der praktisch nichts anderes macht, genügen drei Klicks. Diese Liste könne er endlos fortsetzen. Letztlich sei es bei ICANN, wie wenn Franzosen die Führung inne hätten – man wisse, dass es im Chaos endet.

Mit seinen Worten entfachte Krueger einen Kommentarsturm, in den sich zahlreiche Branchengrößen wie Frank Schilling, Michael Berkens, Kevin Murphy, David J. Castello und John Berryhill einschalteten. Auch wenn nicht alle seine Meinung teilen, mit seinen offenen Worten schien Krueger jedoch einen Wunden Punkt getroffen zu haben. Parallelen zu den aktuellen Ereignissen rund um den Fussball-Weltverband FIFA drängen sich auf. Ob es trotz aller Diskussion zu konkreten Änderungen kommt, dürfte jedenfalls bei beiden Organisationen gleich unwahrscheinlich sein.

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